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Mein Lebensbaum - gestaltet mit der Kett-Methode

In zwei früheren Blogbeiträgen habe ich euch bereits Angebote zur ganzheitlich-sinnorientierten Pädagogik nach Franz Kett vorgestellt: Frühlingserwachen und Eine Nikolauslegende. Ich mag die von dem Religionspädagogen und Lehrer entwickelte Methode sehr. Sie lässt sich vom Kleinkind- bis zum Seniorenalter umsetzen. Man kann damit biblische Geschichten, einzelne Bibelstellen, aber auch Märchen, Sagen und Legenden wunderschön verbildlichen.

Während Frühlingserwachen und die Nikolauslegende Anregungen zur Umsetzung mit Kindern geben, möchte ich euch heute eine Einheit vorstellen, die ich an einem Abend in unserem Frauenkreis durchgeführt habe. Thematisch zu Grunde liegt das Gedicht "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen" von Rainer Maria Rilke.

 

Vorbereitung

Auf dem Boden wird ein großes grünes Rundtuch ausgelegt. Die Filzsonne platziert man mittig auf dem Tuch. Darauf steht eine brennende Kerze als Symbol für die Anwesenheit Gottes. Außerdem liegt eine große Baumscheibe bereit.

 

Etwas abseits, aber griffbereit befindet sich Material, das später zum Legen der Lebensbäume benötigt wird:

- kleinere Baumscheiben nach Anzahl der Teilnehmerinnen

- im Wald gesammelte Äste und Zweige

- bunte Schnüre

- Legematerial, wie Filz, Steine, Glasnuggets, goldene Holzkugeln usw.

- ausgedruckte Bilder oder Postkarten eines Baumes zu jeweils einer der vier Jahreszeiten

Durchführung

Einleitung

Die große Baumscheibe wird unter den Teilnehmerinnen herumgegeben, betrachtet und befühlt.

 

Assoziationen zum Baum als Sinnbild des Lebens werden geäußert:

"Wir sind verwurzelt."

"Wir haben einen Stammbaum."

"Unsere Arbeit trägt Früchte."

...

 

Hauptteil

Input der Leiterin: "Die Ringe zeigen das Alter des Baumes an. Sie haben unterschiedliche Abstände. Große Abstände zeigen gute Jahre mit viel Wachstum, kleine Abstände stehen für eher "dürre" Jahre."

 

Alle Teilnehmerinnen zeichnen auf einem Blatt ihre eigene Baumscheiben. Jeder Ring steht für ein Lebensjahrzehnt. Dabei entscheidet sich jede Frau für ihre individuellen Abstände und beschriftet die Ringe: Was habe ich in diesem Jahrzehnt erlebt/geschaffen ...?

Falls gewünscht, schließt sich dieser Arbeit ein Austausch an.

 

Input der Leiterin: "Bei einem Baum steht jeder Ring für ein Jahr. Er durchlebt jedes Jahr alle Jahreszeiten.

- Frühling: Wachstum, grüne Blätter treiben aus, der Baum steht in voller Blüte

- Sommer: Früchte wachsen heran, das dichte Blätterdach schenkt Schatten, der Baum steht in Saft und Kraft

- Herbst: bunte Blätter, herrliche Farben, Zeit der Ernte, Blätter/Früchte lösen sich und fallen herab, Nahrung für

  Mensch und Tier

- Winter: kahler Baum, Zeit der Stille, Kraft sammeln für neues Leben im Frühling, Altes vergeht und schafft Platz für

   Neues

Zur Veranschaulichung werden vier Bilder auf dem grünen Tuch ausgelegt, die jeweils einen Baum in den vier Jahreszeiten zeigen.

 

Übertragung auf das eigene Leben:

"In welcher Jahreszeit befindet sich mein Lebensbaum und was bedeutet das für mich?"

Falls gewünscht, findet an dieser Stelle ein Austausch statt.

 

Gestaltung der Lebensbäume

Jede Teilnehmerin legt ihren eigenen Lebensbaum:

- Alle erhalten eine kleine Baumscheibe und suchen sich einen Platz dafür im Kreis (großes Rundtuch)

- Für jedes Lebensjahrzehnt wird ein Ring aus (Filz-)Schnüren um die Baumscheibe gelegt

- Jede Frau gestaltet zu leiser Musik* ihren eigenen Lebensbaum mit Ästen, Zweigen und Legematerial

- Abschließend werden alle Lebensbäume noch einmal gemeinsam angesehen und evtl. besprochen

 

* Ich habe das Lied "Wie ein Baum, der ins Licht wächst" aus dem Buch "Du bist ein Wunder - Begegnungslieder - Herzenslieder", Franz Kett-Verlag GSEB, 2014, ausgewählt.

Abschluss

Als Erinnerung habe ich das Gedicht "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen" von Rainer Maria Rilke auf die Rückseite einer Karte geschrieben und für jede Teilnehmerin ein Foto des von ihr gestalteten Lebensbaums auf die Vorderseite geklebt.

 

Resümee

Ich habe diesen Frauenkreisabend als intensiven, sehr persönlichen Austausch in Erinnerung. Das setzt natürlich viel Vertrauen zueinander voraus, das wir als langjährig gewachsene Gruppe haben. Die von mir veränderte Einheit ist ursprünglich für den Kindergarten konzipiert*, ich kann sie mir mit einem anderen Schwerpunkt auch sehr gut im Konfirmandenunterricht vorstellen. Im Sinne der Biografiearbeit ist das Thema bestimmt ebenso für die Seniorenarbeit geeignet. Das stelle ich mir sehr spannend vor.

 

In welchem sozialen Bereich ihr auch immer mit Menschen arbeitet, ob haupt-, neben- oder ehrenamtlich, ich kann euch die ganzheitlich-sinnorientierte Pädagogik nur wärmstens empfehlen.

 

 

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

(Rainer Maria Rilke)

 

 

*Die Gestaltung dieses Abends ist eine Adaption der Einheit "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen" aus dem Heft Religionspädagogische Praxis 1997/1.