· 

Sonnenblumenliebe

 

Sie ist nicht zart und grazil wie das Veilchen, nicht romantisch und elegant wie die Rose, nicht exotisch und extravagant wie die Orchidee. Die Sonnenblume - hochgewachsen und robust - hat doch ihren ganz eigenen Charme und ist eine meiner Lieblingsblumen. Im Moment leuchtet ihr Gelb wieder fröhlich von den Feldern und malt mir ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich ihr begegne.

 

 

Sie und ich, wir haben einiges gemeinsam. Wie oft habe ich mir schon gewünscht, ich wäre kleiner, zierlicher, dem Idealbild einer Durchschnittsfrau ähnlicher. Durchschnitt klingt langweilig. Aber, wenn man über 1.80 m groß ist und nicht gerade ein Basketballstar, wünscht man sich des Öfteren, weniger aufzufallen, nicht auf alle (einschließlich einige Männer) hinunterzublicken. Schon als Kind hieß es für mich: Rücksicht auf die Kleinen nehmen. Auch, wenn die älter waren als ich, wurde von mir eine gewisse Reife erwartet, denn ich war ja schon so groß. Im Teenageralter musste ich mich fragen lassen, wo ich denn noch hinwachsen wolle. Naja, Einfühlungsvermögen ist eben nicht jedem in die Wiege gelegt. Anlehnungsbedürftigkeit, der Wunsch, auch mal schwach sein zu dürfen, wird dir nicht abgenommen, wenn du weder klein noch zierlich bist. Aber jede Medaille hat zwei Seiten. In meiner Sturm- und Drangzeit hatte ich kaum Probleme, bei Rock im Park über die Menge auf die Bühne zu sehen. Auch im dichten Gedränge auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt werde ich von meinen Kindern gefunden, weil ich in der Masse nicht untergehe. Ein Infekt mag mich schwächen, aber er haut mich nicht gleich um. Ich kann etwas aushalten, standhaft sein, fest verwurzelt. Wie die Sonnenblume. Sie ist nicht klein, zierlich, Blumendurchschnitt. Aber, wenn sie das wäre, würde sie niemand über weite Distanzen hinweg auf dem Feld entdecken und gute Laune bekommen.

 

 

In unserer Nachbarschaft gibt es eine eigentlich bereits geschlossene Gärtnerei. Der Besitzer ist ein älterer Herr, der nach wie vor sein Land bepflanzt, pflegt und erntet. Wann immer ein Sonnenschirm am Gartentürchen aufgespannt ist, kann man bunte, duftende Blumen bei ihm für kleines Geld kaufen. Keine elegant gebundenen Floristensträuße, sondern Blumen, wie selbst gepflückt. Sie sind wunderschön und ich freue mich, wann immer ich den offenen Sonnenschirm sehe. Ist der Gärtner in der Nähe, gibt es ein kleines Pläuschchen zum Strauß. Kürzlich hielt ich nach Sonnenblumen Ausschau, die er extra für mich pflückte. Er verkaufe nur die kleinen und mittelgroßen, erklärte er. Die großen lasse er als Futter für die Vögel stehen. Das gefällt mir. Er erntet, was die Natur in Hülle und Fülle bereithält, beutet sein Land aber auch nicht aus, indem er alles zu Geld macht, was darauf wächst. Nein, er behält etwas und gibt es an die Natur zurück. Wenn wir nur alle etwas mehr von dieser Erkenntnis und Einstellung hätten.

 

 

Ein leuchtend gelber Sonnenblumenstrauß weckt immer Erinnerungen in mir. Ich hatte mein Studium gerade beendet und das Gesamtergebnis bekommen. Zu meiner großen Überraschung und Freude stand eine 1 vor dem Komma. Nach Prüfungen und Diplomarbeit lagen herrlich unbeschwerte, freie Wochen vor mir. Die Sonne schien und ich war einfach nur glücklich. Schlenderte über den Nürnberger Hauptmarkt und entdeckte Sonnenblumen. Ich kaufte mir den größten Strauß, den es gab. Mit diesem Riesenbündel Gute-Laune-Blumen saß ich später auf der Holzbank in der Frauenkirche und dankte Gott für meinen Studienabschluss, das Wetter und das Leben. Dann fuhr ich mit dem Zug und anschließend einhändig mit dem Fahrrad nach Hause, einen großen Strauß Glück in der Hand. Ich bin aufgefallen. Keine Ahnung, was größer war, die Sonnenblumen oder das Grinsen in meinem Gesicht.

 

wende dein gesicht der sonne zu, dann fallen die schatten hinter dich.

(aus Afrika)

 

Wenn ich schon so einige Gemeinsamkeien mit der Sonnenblume entdeckt habe, will ich mich auch etwas näher mit ihren Besonderheiten auseinandersetzen: Die Sonnenblume wurzelt bis zu zwei Meter tief, braucht nährstoffreichen Boden, ausreichend Wasser und Wärme. An sonnigen Tagen verfolgt die Knospe der reifenden Pflanze die Sonne von Ost nach West, während sie sich nachts oder in der Morgendämmerung nach Osten zurückdreht. Die abgestorbenen Blätter der Sonnenblume sind äußerlich sichtbare Zeichen der Erntefähigkeit. In ihren Kernen stecken 90 % ungesättigte Fettsäuren, die Vitamine E, B, A und F, Karotin, Calcium, Iod und Magnesium. (Wikipedia)

 

Welche Nährstoffe braucht mein Boden, wenn ich tief in ihm verwurzelt sein will? Was sind Wasser und Wärme für mich? Die Bibel spricht oft davon, dass wir in Gott verwurzelt und gegründet sind. Von ihm kommt auch das Wasser des Lebens. Meine Eltern haben mir Wurzeln gegeben und das ihre für mein Gedeihen getan. Jetzt tun wir dasselbe für unsere Kinder. Wärme kommt von Beziehungen, meiner Familie und meinen Freunden. Ich kann wirklich dankbar sein für all diese guten Voraussetzungen. So lange die Sonnenblume reift, wendet sie ihre Knospe der Sonne zu. Ich glaube, auch das ist wichtig: den Blick nicht ausschließlich auf die negativen Seiten richten, das Glas halbvoll sehen, statt halbleer. Das heißt nicht, dass man blind und naiv durch´s Leben gehen soll. Auch Trauer und Wut haben ihren Platz. Aber die grundsätzliche Ausrichtung, meine Einstellung zum Leben, soll von Licht, Vertrauen und Freude geprägt sein. Das wünsche ich mir und dir.

 

Die Sonnenblume bringt Frucht, richtig wertvolle und nährstoffreiche Frucht. Ihre Kerne versorgen Mensch und Tier und sie lassen neue Blumen wachsen. Ihre Erntefähigkeit zeigt sich an abgestorbenen Blättern. Wie überall in der Natur, muss das Alte vergehen, damit Neues entsteht. Der Gedanke an den Tod erschreckt mich und ich möchte noch lange in der Blüte meines Lebens stehen, wie man so schön sagt. Dennoch ist es ein schöner Gedanke, wenn das eigene Leben Frucht bringt, Spuren hinterlässt. Ob durch die eigenen Kinder oder durch etwas, das man im Leben getan hat. 

 

Das einzig wichtige im leben sind die spuren von liebe, die wir hinterlassen, wenn wir weggehen.

(Albert Schweitzer)

 

Jetzt wende ich mein Gesicht wieder der Sonne zu und gehe auf meine Terrasse, um den Sommer in vollen Zügen zu genießen. Vielleicht werden die Blogbeiträge in den nächsten Wochen etwas unregelmäßiger. Dann wundert euch bitte nicht. In den Ferien ist alles ein bisschen anders, weniger Struktur, mehr Freiheit. Einfach eine kleine Pause vom Alltag.

Und solltet ihr ein Sonnenblumenfeld entdecken, grüßt es von mir und lasst euch ein breites Lächeln ins Gesicht zaubern.