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Der blaue Vogel

Ich fand sie immer etwas befremdlich, aber irgendwie auch faszinierend: die Gabe, innere Bilder zu sehen und die Gewissheit zu haben, dass sie von Gott kommen. 

Als Studentin auf einer SMD-Freizeit fragte ich vor vielen Jahren eine der Mitarbeiterinnen mit dieser Gabe, ob sie ein Bild für mich hätte. Sie konnte das nicht versprechen, bekam Wochen später im Gebet aber eins, was mich durchaus berührte. 

Seitdem sind rund zwanzig Jahre vergangen. Mit meinem damaligen Freund bin ich heute glücklich verheiratet und habe zwei Kinder. Die Ältere mitten in der Pubertät. Ein spannendes Alter mit Höhen und Tiefen. Manchmal leidet die ganze Familie mit. Es gibt aber auch besonders schöne Momente, in denen wir ganz viel Spaß miteinander haben. Oder richtig gute, tiefsinnige Gespräche führen. Letzteres war an einem Abend im letzten Februar der Fall. Nach dem Gute-Nacht-Sagen lagen wir zu zweit in Sophias Bett und redeten und redeten. Weil's so schön war. Ziemlich glücklich und erfüllt saß ich später allein auf dem Sofa - die Kinder im Bett, mein Mann beim Joggen - und hatte plötzlich das Bedürfnis, für meine große Kleine zu beten. Dafür, dass sie ihren Weg im Leben findet, dass wir das Erwachsenwerden und die Ablösung von uns  Eltern gut überstehen, die richtige Balance zwischen Halt geben und Loslassen finden. Und auf einmal war es da: das Bild eines wunderschönen blauen Vogels und seinem Nest. Er breitete seine Schwingen aus und flog. Zog seine Kreise, mal enger, mal weiter. Flog auch weit in die Welt hinaus und kehrte wieder zurück. Ich kann nicht sagen, wie, aber in mir breitete sich die beruhigende Gewissheit aus, dass dieser schöne blaue Vogel für meine Tochter steht und das Nest für ihren himmlischen Vater und für uns, ihre irdischen Eltern. Dass sie in die Welt aufbricht, sich mal mehr, mal weniger weit entfernt und dabei immer weiß, wo ihre Heimat ist, wo sie Schutz und Liebe findet, wohin sie immer wieder kommen kann und wo sie unendlich geliebt wird.

Ich wollte dieses starke, eindrückliche Bild unbedingt in meiner Journaling-Bibel festhalten und fand in Psalm 71,3 auch eine passende Bibelstelle. Tiere malen kann ich allerdings nicht wirklich. Mit den Pastellkreide erlebte ich dann die zweite Überraschung.  Ich kann's mir nicht anders erklären, als dass meine Hand geführt wurde. Der blaue Vogel ist tatsächlich in meiner Bibel gelandet.