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Von Referaten und Familiengeschichte

 

Geschichtsunterricht in der 9. Klasse: Unsere Tochter Sophia und ihre Freundin Leo hatten sich beim Thema ihres Referats für "(Nach-)Kriegskinder" entschieden. Neben der historischen Recherche wollten sie ihren Vortrag möglichst authentisch gestalten. Das hieß, Großeltern und Urgroßeltern befragen. Meine Mutter - erst nach dem Krieg geboren - steuerte Erinnerungen an Erzählungen ihrer Mutter bei. Mein Schwiegervater (geb. 1944) und meine Oma väterlicherseits (geb. 1934) lieferten ihre eigenen Berichte, ebenso Leos Oma.

Dieses Referat wühlte einen Haufen Familiengeschichte auf und wird uns nachhaltig beschäftigen. Meine Oma, wohnhaft in Leipzig, hielt ihre Erinnerungen handschriftlich fest, die dann von meinem Onkel eingescannt und per Mail an uns geschickt wurden. Sie hatte sich zunächst etwas gesperrt und unter Druck gesetzt gefühlt. Letztendlich schrieb sie etliche Seiten  und sagte Sophia am Telefon, es habe sie dann doch gepackt, man müsse eigentlich ein ganzes Buch über diese Erinnerungen schreiben. Wie wahr, das müsste man.

 

 

Was hat diese Generation nicht alles erlebt. Schreckliches und Traumatisches, aber auch Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt. Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen. Wenn ich zwischen Beruf, Kindern und Haushalt routiere, bringt mich das manchmal an meine Grenzen. Ich ziehe meinen Hut jedoch aus Respekt vor den (Nach-)Kriegsmüttern. Ohne Mann alleine auf sich gestellt, mussten sie ihre Kinder ernähren und großziehen. Viele wurden heimatlos, verloren Angehörige, vielleicht den Mann, die Kinder durch Bomben, Hungersnot oder in eisiger Kälte auf der Flucht. In der Nachkriegszeit hatten etliche Menschen kein (intaktes) Dach mehr über dem Kopf. Auch Essen war vielerorts knapp. Die sogenannten Trümmerfrauen bauten Städte aus Schutt und Asche wieder auf. Noch immer weitestgehend auf sich allein gestellt. Ihre Männer waren im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft geraten. Eine schwere Zeit. Und trotzdem fand der Alltag statt, auch unter den widrigsten Bedingungen.

 

 

Ich möchte an dieser Stelle gerne unsere (Ur-)Großeltern selbst zu Wort kommen lassen:

 

Angst:

Meine Oma: "1943 war ein schwerer Bombenangriff auf Leipzig. Mein Onkel verbannte mich in den Keller. Danach hatte ich nur noch Angst. Wir hatten oft Fliegeralarm. Wenn die Bomber über das Haus flogen: Angst, Angst, Angst! Das dumpfe Brummen der Bomber werde ich nie vergessen. Ich wurde dann auf´s Land verschickt."

 

Wohnen:

Meine Oma: "Durch die vielen Bombenangriffe war unser Dach teilweise abgedeckt, die Fensterscheiben vom Luftdruck der Bomben eingeschlagen und durch Pappe ersetzt ..."

 

Mein Schwiegervater: "Meine ersten Erinnerungen habe ich von unserer Wohnung. Das Nachbarhaus war zerbombt, deshalb war die Treppe zum zweiten Stock frei in der Luft. Die rechte Wand fehlte. Uns Kindern wurde streng untersagt, die Treppe ohne Erwachsene zu betreten."

 

Schule:

Meine Oma: "... deshalb fiel im Winter 1944/45 die Schule aus. Wir holten nur einmal pro Woche Schularbeiten ab."

 

Familie:

Meine Oma: "1941 war mein Schulanfang. Mein Vater musste ein halbes Jahr vorher in den Krieg. Er kam 1947 wieder. Völlige Entfremdung! Wir konnten viele Jahre nur schwer miteinander umgehen. Erst, als ich schon selbst Mutter war."

 

"Ein Jahr auf dem Land: Wir Kinder wurden ohne Fragen verschickt. Wir trauten uns nicht, zu widersprechen."

 

Mein Schwiegervater: "Geboren bin ich als Zwilling im April 1944. Zu dieser Zeit begannen auch die häufigen Luftangriffe auf die "Stadt der Reichsparteitage" Nürnberg. Aus diesem Grund ist dann meine Mutter mit mir auf´s Land gezogen. Es war Verwandtschaft, der Bruder meiner Großmutter. Meine Schwester musste in der Klinik in Nürnberg bleiben, da sie zu wenig wog, unter 1700 Gramm. Deshalb ist meine Mutter häufiger nach Nürnberg gefahren (ca. 70 km), mit dem Fahrrad. Züge sind fast keine mehr gefahren. Das war lebensgefährlich, da Jagdflieger der Amerikaner und Engländer alles beschossen, was sich auf der Straße bewegte. Meine Schwester war vier Monate im Krankenhaus."

 

 

 

Mein Schwiegervater und seine Zwillingsschwester

 

Familie:

Meine Mutter über ihre Mutter: "1944 wurde Leipzig schwer bombardiert. Meine Mutter floh mit meinem Bruder, geboren 1943, und dem damals sechsjährigen Sohn ihrer Schwester zu ihrem Onkel nach Ostpreußen. Allerdings mussten dann auch die Bewohner von Königsberg vor den herannahenden Russen fliehen. Also war sie wieder mit zwei Kindern auf der Flucht. Da auch die Züge bombardiert wurden, kamen sie sehr langsam voran. Geplagt vom ständigen Hunger wagte der Sechsjährige einen Streifzug durch die stehenden Waggons und ergatterte dann auch auf einem Feld ein paar Kartoffeln. Meine Mutter wusste nicht, wo er war und hatte fürchterliche Angst, ihn zu verlieren. Glückstrahlend kam er mit seinem Fund noch rechtzeitig zurück. Die Fahrt endete vor Leipzig auf einem Dorf. Dort kamen sie in ein Notquartier. Also beschloss meine Mutter, mit den Kindern bei Nacht zu fliehen. Wieder musste der "Große" ran und den Kinderwagen von der vierten Etage nach unten tragen. Sie liefen einfach los, Richtung Leipzig. Unterwegs wurden sie beschossen. Nach einer Woche waren sie wieder zu Hause."

 

Kleidung:

Meine Oma: "Da ich sehr schnell gewachsen bin, wurde für mich aus einer Übergardine ein Kleid und der Militärmantel meines Vaters wurde umgearbeitet."

 

"Es hat bis 1948 gedauert, bis es langsam besser wurde. Zu meiner Konfirmation hatte ich zwar Schuhe mit Pappsohle, aber ein schönes Kleid."

 

Mein Schwiegervater: "Es gab keine Kleidung zu kaufen, nur mit Zigaretten zu tauschen. Zigaretten gab es nur bei den Amerikanern, zu denen wir keinen Kontakt hatten. Die Kleidung war trotzdem kein Problem für uns. Meine Mutter hatte eine Nähmaschine. So wurden aus alten Kleidern für uns Kinder Neues genäht. Ein großes Problem waren die Schuhe, die ja schnell zu klein wurden. Im Sommer sind wir barfuß gelaufen, selbst in die Schule bis zur ersten und zweiten Klasse."

 

Essen:

Meine Oma: "Kriegsende Mai 1945, wir wurden Ostdeutschland. Die Hungersnot begann. Es gab Lebensmittelkarten. Wir konnten etwa zwei Scheiben Brot am Tag essen. Gemüse oder Kartoffeln gab es selten und nur mit langem Anstehen. Jeder versuchte, ein Feld mit Gemühse zu bebauen. Wir haben wirklich gehungert. Die Mütter fuhren auf´s Land, um bei Bauern zu tauschen. Alles für etwas zu Essen. Selbst aus Kartoffelschalen wurde Suppe gekocht. Obst und Süßigkeiten gab es höchstens an Festtagen."

 

Mein Schwiegervater: "Hunger wurde bei uns nicht gelitten. Wir hatten drei Gärten, Großvater hat Hühner und Hasen gehalten. Zu Essen gab es fast nur, was im Garten wuchs. Kartoffeln, Rüben, Bohnen, Obst und Salat. Für den Winter wurde eingekocht oder eingebüchst (Bohnen). "

 

"Besonders in Erinnerung sind mir auch die vielen Leute, die als Bettler an die Haustüre kamen. Im Hinterhof kam fast jeden Tag jemand, der gesungen hat, Trompete gespielt oder Sonstiges zum Besten gab, um ein paar Pfennige zu erhalten. Auch hat meine Mutter oft Bettler eingeladen, die etwas zu Essen bekamen. Es wurde niemand weggeschickt."

 

Meine Mutter über ihre Mutter: "Mein Bruder war nach Kriegsende zwei Jahre alt. Er hatte Hunger. Meine Mutter fand nur ein paar Kalktabletten (gegen Mangelerscheinungen), die sie ihm gab. Sie hat ewig darunter gelitten, dass ihr Kind hungern musste."

 

Kindheit:

Mein Schwiegervater: "Um den Schutt der Ruinen zu entfernen, wurden in den Straßen Schienen für eine Kleinbahn verlegt. Die Anwohner mussten dann nach Feierabend oder Samstag den Schutt in die Wagen (Loren) schaufeln und zur Sammel-stelle schieben. Eine Freude für uns Kinder war es, auf den Loren mitzufahren."

 

"Der Spielplatz für alle Kinder waren die Ruinen. Zu Hause gab es keinen Platz, alle Zimmer bis auf die Küche waren Schlafzimmer. Es herrschte große Wohnungsnot durch die vielen zerbombten Häuser und die Flüchtlinge, die aus dem deutschen Osten nach Nürnberg kamen. In den Ruinen war auch alles zu finden, was man zum Spielen brauchte. Es war allerdings auch gefährlich. Manche Mauer ist beim Klettern eingestürzt. Außer Schrammen ist jedoch keinem etwas passiert."

 

"Der nächste Spielplatz waren dann die neuen Häuser, die gebaut wurden. Vor jeder Baustelle war ein großer Sandhaufen, mit dem dann der Mörtel für die Maurer hergestellt wurde. Es war eine Freude, aus dem ersten Stock in den Sandhaufen zu springen (Mutige sprangen aus dem zweiten Stock)."

 

"Nach heutigem Maßstab waren wir arme Kinder. Doch keiner hat es gemerkt, da wir alle das Gleiche hatten."

 

Meine Oma: "Wir waren trotzdem glückliche Kinder. Unsere Kindheit spielte sich auf der Straße ab. Wir waren zufrieden und freuten uns über ein Butterbrot."

 

 

Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich diese Texte lese. Sophias Klasse hat das Referat sehr angesprochen, vor allem die Berichte der (Ur-)Großeltern.  Zeitzeugen vermitteln historische Geschehnisse eben doch noch mal ganz anders als Geschichtsbücher. Es ist so wichtig, dass dieses Wissen erhalten bleibt, auch wenn es einmal niemanden mehr geben wird, der aus seinem eigenen Leben erzählen kann. Wenn ich mich in der Welt, ja selbst in Deutschland, so umsehe, bekomme ich manchmal Angst, dass zu wenig in Erinnerung geblieben ist. Ergreift die Gelegenheit, so lange ihr könnt: Fragt euren (Ur-)(Groß-)Eltern Löcher in den Bauch. Erzählt euren Kindern und Enkeln davon. Nicht im Sinne einer ewigen nationalen Schuld, sondern als Mahnung. Und aus Dankbarkeit für unser Leben in Frieden. Wir sind eine Generation, die ohne Krieg aufgewachsen ist und wir leben mit unseren Familien in Wohlstand und Frieden. Das ist keine Selbstverständlichkeit!