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Jahreszeitenliebe

Genießt ihr es auch gerade so sehr, dass der Frühling endlich richtig angekommen ist? Ich starte fröhlich in den Tag und bestaune die aufblühende Natur überall. Der Frühling ist jedes Jahr wie ein Neubeginn. Das erste Mal Eis essen, die ersten Hausaufgaben im Garten, die ersten Blumen, das erste Mal wieder bei Vogelgezwitscher aufwachen und einschlafen. Die Sonne wärmt meine Haut und streichelt die Seele. Mir persönlich ist der Sommer oft zu heiß und ich genieße die Tage im Frühling und Herbst, in denen Wohlfühltemperaturen herrschen. Überhaupt bin ich so dankbar, dass wir vier Jahreszeiten haben, die sich mit allen Sinnen erfahren lassen. Das frische Grün im Frühling, die lauen Sommerabende, Ernte und Farbenrausch im Herbst, das unberührte Schneefeld im Winter. Ja, es gibt auch Matschwetter, zu große Hitze und Sehnsucht nach Sonne. Aber meistens kann ich mich vor allem für den Reichtum und die Vielfalt der Jahreszeiten begeistern.

Die Natur muss gefühlt werden.

(Alexander von Humboldt)

 

Ist euch schon mal der Zusammenhang zwischen den Jahreszeiten in der Natur und unserem menschlichen Leben aufgefallen? Im Frühling (Kindheit und Jugend) wächst neues Leben heran. Es keimt und sprosst überall, um dann schließlich in ganzer Pracht aufzublühen. Die jungen Pflanzen sind zunächst noch zart und müssen vor Frost geschützt werden. Dann aber entwickelt sich alles kraftvoll und wunderbar. So sind unsere Kinder anfangs noch voll und ganz auf unsere schützende Hilfe angewiesen und werden dann zunehmend selbstständiger. Wenn alles gut geht, sehen wir staunend dabei zu, wie sie zu eigenständigen Persönlichkeiten heranwachsen.

 

 

Der Sommer (Erwachsenenleben bis etwa zur Lebensmitte) ist bunt, laut und fröhlich. Überall blüht und grünt es. An allen Ecken und Enden ist etwas los. Auf den Wiesen und in den Hecken hört man das Surren und Brummen der Bienen. Bunte Schmetterlinge tanzen durch die Luft. Und gegen Ende des Sommers beginnt die Ernte. Was im Frühling gesät wurde und in der Sommersonne reifen durfte, bringt jetzt reiche Frucht. Übertragen auf das Leben finden wir in dieser Zeit unsere/n Partner/in, gründen vielleicht eine Familie, beginnen zu arbeiten und sammeln Erfahrungen, vielleicht bauen oder kaufen wir ein Haus.

 

Im Spätsommer beginnen wir dann zu ernten, was wir gesät haben: Beruflich ist unsere Kompetenz gefragt, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus und beginnen, eigene Wege zu gehen, es gibt Freiräume für uns selbst und für Zweisamkeit. Hier finde ich mich momentan ganz gut wieder. Die Zeit der Lebensmitte, eine Umbruchzeit? In den letzten beiden Jahren habe ich mich viel damit beschäftigt. Was habe ich bisher mit meinem Leben gemacht? Und wie will ich weitermachen? Bestandsaufnahme. Die Unbekümmertheit des Jugendalters ist definitiv vorbei. Das macht mich manchmal etwas melancholisch. Vorbei ist allerdings auch die Verunsicherung dieser Zeit, an die ich mich gut erinnern kann. Zwei Seiten einer Medaille. Es scheint sich nochmal einiges zu verändern. Ich meine, bei Anselm Grün gelesen zu haben, dass die Reise in der ersten Lebenshälfte nach außen geht. Der Mensch entdeckt die Welt, es zieht ihn hinaus. Von einem, der auszog, das Glück zu finden. Die zweite Hälfte der Reise geht in unser Inneres. Das Seelenleben nimmt an Bedeutung zu. Eine interessante Perspektive.

Die Natur ist die große Ruhe gegenüber unserer Beweglichkeit. Darum wird sie der Mensch immer mehr lieben, je feiner und beweglicher er werden wird.

(Christian Morgenstern)

 

Der Herbst. Altersmäßig würde ich ihn den "jungen Alten" zuordnen. Wenn gesundheitlich nichts dazwischen kommt, ist das - glaube ich - eine wunderschöne Zeit. Man profitiert von seinen Erfahrungen, beruflich wie privat. Vielleicht bekommt man Enkelkinder und erlebt viel mit ihnen. Mein Mann hatte schon bevor wir eigene Kinder hatten, das Ziel, einmal Großvater zu werden. Kinder aufwachsen zu sehen und von ihnen bedingungslos geliebt zu werden, ohne durchwachte Nächte und Verantwortung, ist bestimmt toll.

Die Natur mobilisiert im Herbst nochmal alle Kräfte und zeigt sich in ihrer ganzen Pracht. Nie leuchten die Bäume schöner, keiner wie der andere. Pralle Weintrauben glänzen im satten Blau und zerschmelzen auf der Zunge. Erntezeit. Von der Hand in den Mund leben. Großartig! Dreimal dürft ihr raten, welche meine Lieblingsjahreszeit ist. Durch raschelnde Laubhaufen gehen, Blättern beim Tanzen im Wind zusehen, in die leuchtenden Herbstfarben eintauchen. Ganz ehrlich, ich kann auch den Tagen etwas abgewinnen, an denen keine Sonne am blauen Himmel steht. Zarte Nebelschleier über den Wiesen faszinieren mich. Wird es draußen ungemütlich, zieht es mich nach innen: Mit Freundinnen Tee trinken, die Saunasaison einläuten, Kerzen anzünden, mehr Zeit und Muse für kreatives Tun, neue Strickversuche starten ... . Etwas Melancholie kann so schön sein.

 

Die Natur ist ein Brief Gottes an die Menschheit.

(Platon)

 

Der Winter läutet eine Ruhephase ein. Die Farben sind reduziert. Es scheint, als erhole sich die Natur, um im nächsten Frühling wieder neu durchzustarten. Die Welt wirkt stiller. Schneefall dämpft jedes Geräusch. Ich kann mich an einen Winterspaziergang im Wald erinnern, an dem ich die Erste war, die auf dieser frischen, unberührte Schneedecke Spuren hinterließ. Ein magischer Moment.

Hier ist das Alter angesiedelt. Ich finde es so schade, dass alten Menschen in unserer Gesellschaft kaum mehr wertgeschätzt werden. Wir streben nach Wachstum und Beschleunigung. Das sind keine Adjektive, die man dem Alter zuschreibt. Aber was ist mit Begriffen wie dem "Ältestenrat" oder der "Weisheit des Alters"? Auf welchen Erfahrungsschatz könnten wir zugreifen. Wie viele Geschichten kann so ein er(ge)fülltes Leben erzählen. Früher gab es für mich nichts Schöneres, als meiner Omi zuzuhören. "Erzähl’ mir von früher.", war mein großer Wunsch, der mir immer erfüllt wurde. Auf diese Weise lassen sich Lebensgeschichten über Generationen hinweg weitergeben. Ein unermesslich großer Schatz.

 

Natur ist das große Bilderbuch, das der liebe Gott uns draußen aufgeschlagen hat.

(Joseph von Eichendorff)

 

Der Wald ist für mich ein Kraftort, der mich erdet. Ich verschwinde einfach in eine andere Welt, lasse Lärm und Hektik hinter mir. Im Wald komme ich zur Ruhe. Meine Atmung wird ruhiger, die Lungen füllen sich mit gesunder Luft. Meine Ohren hören Vögelgezwitscher, knackende Äste und den Klang meiner Schritte. Meine Nase riecht den typischen Waldgeruch, eine Mischung aus Harz und Kräutern, glaube ich. Eigentlich könnte ich das alleine wohl am besten genießen. Dummerweise bin ich so ein Angsthase, dass ich mich alleine nur am Waldrand bewege. Aber auch mit Gesellschaft entfaltet der Wald seine Wirkung in mir. Warum ist das so? Vielleicht, weil sich hier die Jahreszeiten hautnah erleben lassen. Jahreszeiten, die sich auch in meinem Lebensweg widerspiegeln.

 

Wenn man die Natur wahrhaft liebt, findet man es überall schön.

(Vincent van Gogh)

 

Ist dir schon einmal aufgefallen, wie häufig die Bibel von Gottes Schöpfung berichtet? Von der Erschaffung der Erde über Pflanzen- und Tierbeschreibungen bis hin zu vielfältigen Metaphern, in denen der Mensch mit Hilfe der Natur beschrieben wird. Hier ist nur ein winzig kleiner Auszug:

 

"Der (Mensch) ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen." (Psalm 1)

 

"Denn für den Baum gibt es Hoffnung. Wird er gefällt, so schlägt er wieder aus,

an Trieben fehlt es ihm nicht." (Hiob 14,7)

 

"Aus Quellen lässt du Bäche in die Täler hinabströmen, zwischen den Bergen fließen sie dahin." (Psalm 104,10)

 

"Die Gottesfürchtigen werden gedeihen wie Palmen und wachsen und stark werden wie die Zedern auf dem Libanon. Denn sie sind im Hause des Herrn gepflanzt und blühen in den Vorhöfen unseres Gottes. Noch im hohen Alter werden sie Frucht bringen und werden grün und lebendig bleiben, um zu bezeugen, dass der Herr gerecht ist." (Psalm 92,13-15)

 

Den letzten Satz mag ich besonders. Noch im hohen Alter grün und lebendig bleiben und Frucht bringen, das finde ich wirklich erstrebenswert. Damit ist sicher kein Jugendwahn gemeint. Ich stelle mir hier einen lebenserfahrenen, liebenswürdigen und positiven Menschen vor, der sein Wissen gerne weiter gibt, ohne dabei bevormundend oder verbittert zu sein. Ich glaube, das geht nur, wenn man als alter Mensch nicht auf das Ende wartet, sondern auf einen neuen Anfang, einen Frühling in der Ewigkeit.

 

Zurück zur Schöpfung:

"Denn was Menschen von Gott wissen können, ist ihnen bekannt, er selbst hat es ihnen vor Augen gestellt. Denn seine unsichtbare Wirklichkeit, seine ewige Macht und sein göttliches Wesen sind seit Erschaffung der Welt in seinen Werken zu erkennen." (Römer 1,19-20)

 

 

Wenn ich Zweifel daran bekomme, ob es Gott wirklich gibt, oder ob wir ihn uns nicht nur zusammenreimen, weil alles andere uns zu sehr deprimieren würde, ist die Natur mir ein Lehrmeister. Es gibt ja etliche hochgebildete Wissenschaftler, die trotz oder gerade wegen ihres Berufes Glaubende sind. Weil unsere Welt voller Wunder ist, die eigentlich nur den Schluss zulassen, dass da jemand mit Sinn für das Schöne am Werk war. Ginge es nur um Funktionalismus und Überleben, wären diese liebevollen Feinheiten überflüssig. Ich staune. Beim Ansehen der Blume, die symmetrisch und formvollendet ist. Wenn ich einen Stein ins Wasser werfe und sich perfekte, konzentrische Kreise bilden. Das Zwitschern der Vögel, die feinen Adern des Blattes, die wunderschöne Form von Schneekristallen, keines gleich dem anderen. Das können nicht einfach alles Zufallsprodukte sein. Für mich ist das Gottes Handschrift. "Seit der Erschaffung der Welt in seinen Werken zu erkennen."