· 

Work-Life-Balance

Mein Arbeitsplatz, den ihr hier seht, befindet sich in einer Ecke unseres Wohnzimmers. Irgendwie symbolisch. Leben und Arbeiten so nah beieinander. Hier sitze ich, um Unterricht vorzubereiten, Schulaufgaben zu entwerfen. Zum Korrigieren ist es mir zu eng, da verziehe ich mich an den Küchentisch. Die Idee mit dem Arbeitszimmer haben wir zu Gunsten eines größeren Kinderreichs verworfen. Als die Mädchen noch kleiner waren, saß ich vor allem abends hier, wenn Ruhe im Haus eingekehrt war. Inzwischen sind die beiden unterwegs, in ihren eigenen Zimmern oder sitzen lesend auf dem Sofa.

 

Als Lina zwei war habe ich die Stelle an der Schule angenommen. Das ist jetzt fast zehn Jahre her. Vier Jahre war ich mit einer Dreiviertelstelle und zwei kleinen Kindern ganz schön beschäftigt. Dann habe ich meine Stundenzahl halbiert. Je nach Stundenplan hieß das zwei bis dreimal in der Woche vormittags an der Schule sein, dann einkaufen, Wäsche waschen, Kinderfahrdienste, Vokabeln abfragen, bei den Hausaufgaben helfen. Aber auch Zeit für mich. In den letzten Jahren zunehmend mehr. Ich bin ein Genussmensch. Ich wusste, dass ich im Luxus lebte und ich war dankbar dafür. Unserer Familie hat diese Zeit gut getan. Ich bekam die Rückmeldung, ausgeglichener zu sein, bessere Nerven für den Familienalltag zu  haben. Es ist schön für die Kinder, wenn sie nach Hause kommen und jemand da ist. Ich habe das Gefühl, dieses Dasein ist für eine Vierzehnjährige nicht weniger wichtig als für ein Grundschulkind.

 

 

Im nächsten Jahr wollte ich wieder aufstocken. Ich muss gestehen, dass ich etwas wehmütig bei diesem Gedanken wurde. Vor zwei Wochen kam Eigendynamik in die Sache. Eine Kollegin fällt längerfristig aus und ich wurde gefragt, ob ich ihre Stunden übernehme. Eigentlich gab es keine wirkliche Wahl. Es ist eine Prüfungsklasse und personelle Alternativen gibt es momentan nicht. Von der Sache her ist es auch wirklich okay. Ich habe die Zeit. Auf ein halbes Schuljahr hin oder her kommt es nicht wirklich an.

Jetzt hat sich meine Arbeitszeit also seit letzter Woche verdoppelt. Anfangs bin ich wirklich geschwommen. Ich hätte nicht gedacht, dass es mich so anstrengt. Das Einlassen auf eine neue Klasse, die Mehrarbeitszeit, die Bestandsaufnahme, wo die Schüler stehen und das Umplanen etlicher organisatorischer Dinge. Die Zeit für Bloggen, in den Wald gehen, lesen, aber auch einkaufen, waschen, kochen ist plötzlich deutlich reduziert.

Mir ist klar, dass ich auf hohem Niveau jammere. Ich bin nach wie vor nur vormittags an der Schule und in den Praxisstellen der Schüler. Es gibt immer noch einen freien Tag in der Woche. Und schließlich habe ich das mit zwei kleinen Kindern und neu im Job auch mal geschafft. Ist es, weil ich zehn Jahre älter geworden bin? Oder reagiere ich nur mal wieder zu ungeduldig und muss mir zugestehen, dass ich nach über fünf Jahren "Luxusleben" ein bisschen Umstellungszeit brauche? Immerhin hat sich nach den ersten Tagen alles deutlich beruhigt, nachdem ich mir einen konkreten Überblick verschafft und eine klare Struktur für das restliche Schuljahr erarbeitet hatte. Ich bin so ein Mensch. Gut im Organisieren und Strukturieren, anderseits aber auch angewiesen auf Struktur und Sicherheit.

 

 

Der wahre Held in unserer Familie ist mein Mann. Seit Beenden seines Studiums ist er am Rackern. Man muss es wirklich so nennen. Ohne Elternzeitpause (gab es bei der Geburt unserer Kinder leider noch nicht) arbeitet er mehr als Vollzeit. In den letzten Jahren fährt er noch dazu täglich mehr als 70 km zur Arbeit und zurück. Meist ist er zwölf Stunden am Tag außer Haus. Was auch ein Grund für uns war, dass ich meine Arbeitszeit reduziert habe. Ich höre den Aufschrei etlicher Frauen: Warum muss immer die Frau zu Hause bleiben oder Teilzeit wählen? Warum darf nur der Mann Karriere machen? Wozu gibt es Krippe und Hort? Tu doch mehr für deine Rente. STOP! Ich musste das nicht tun, ich kann. Und ich empfinde es als Vorrecht und bin dankbar dafür. Warum wissen wir Frauen eigentlich immer so genau, was gut für die Andere ist? Warum ist die Karrieremama gleich eine Rabenmutter? Und warum die zu Hause bleibende oder Teilzeit arbeitende Familienfrau das Heimchen am Herd? Ich will hier kein Fass aufmachen. Das Thema wurde und wird an anderen Stellen zur Genüge diskutiert. Ich möchte nur sagen, dass meiner Meinung nach eine glückliche Familie die intakteste Familie ist. Und Glück definiert nun mal jede/r anders.

 

Warum mein Mann ein Held ist? Nicht, weil er perfekt wäre oder jeden Abend strahlend und ausgeglichen von der Arbeit käme und mir Blumen mitbrächte. Nein. Weil wir gemeinsam entscheiden, was gut für unsere Familie ist und versuchen, das zu leben. Weil er nach einem langen Arbeitstag die Joggingrunde mit Freunden absagt, um mit den Kindern zu einem Basketballspiel zu gehen. Weil er am Wochenende morgens für alle frische Brötchen besorgt und die Nachbarn gleich noch mitbeliefert. Weil er trotz der wenigen Zeit zu Hause alle wichtigen Entwicklungsschritte unserer Kinder mitgekriegt hat und für uns da ist. Dank ihm sind unsere Kinder begeisterte Skifahrerinnen. Er hat ein offenes Ohr für uns. Und obwohl er ein Leben in Teilzeit mit Sicherheit auch wunderbar ausfüllen könnte (mit Angeln, Gitarre spielen, Skifahren, Radeln, Joggen und natürlich mit uns), finanziert er den Großteil unseres Lebens. Das Haus, die Urlaube und alles, was so anfällt.

 

 

Mir stellt sich natürlich immer wieder die Frage, ob es nicht mal dran wäre, dass wir tauschen. Dummerweise ist mein Sozialpädagogengehalt deutlich geringer als das, was er als Bauingenieur verdient. Und wir haben uns vor zwölf Jahren entschieden, ein Haus zu kaufen, das abbezahlt werden muss. Manchmal überlege ich, ob eine Wohnung und mehr Zeit füreinander nicht die bessere Entscheidung gewesen wäre. Auch, weil ich mir wirklich Sorgen mache, ob so viel beruflicher Stress nicht irgendwann einen gesundheitlichen Tribut fordert. Ich stöbere gerne in anderen Blogs und lese so häufig "Weniger ist mehr.", denke "Stimmt." Dennoch. Wir leben unser Leben, fühlen uns wohl in unserem Haus. Es ist Rückzugs- und Erholungsort, Heimat, ein Ort zum Einladen und Feiern. Unser Zuhause eben.

 

 

Ich weiß nicht, wo mein beruflicher Weg noch hinführt. Manchmal habe ich so eine Ahnung von Veränderung. Eine leise Stimme, die flüstert: "Da ist noch etwas. Hab Geduld." oder "Trau dich." Ich stelle gerade ziemlich viel in Frage, fällt mir auf. Vielleicht ist das mit der Lebensmitte so wie in der Pubertät: Alles hinterfragen, Manches verwerfen, Anderes neu schätzen lernen. Die Konstanten in meinem Leben sind und bleiben die Familie und mein Glauben. Alles Weitere wird sich finden.